Wenn Kinder und Jugendliche den Schulbesuch verweigern

Für mehr als 2,5 Millionen Schülerinnen und Schüler startete am 2. September nach sechs Wochen Sommerferien das neue Schuljahr. Dass jedoch eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen nach den Sommerferien gar nicht mehr zurück in die Schule kehrt, ist ein zunehmendes Problem.

Das wissen auch Constantin Schmidt und Dr. Maren Krüger von der VALEARA Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bochum-Linden. Die beiden Fachärzte für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -Psychotherapie bilden gemeinsam das medizinische Leitungsteam der psychiatrischen Klinik und sie kennen das große Leid, das sich hinter dem Wort „Schulverweigerung“ oft versteckt.

Manch einer mag bei Schulvermeidung zunächst an fehlende Motivation denken. Häufig sind es jedoch erhebliche psychische Belastungen, die tatsächlich dahinterstecken und die dazu führen, dass junge Menschen die Schule vorübergehend oder dauerhaft nicht besuchen. Schulvermeidung ist ein schleichender Prozess, der in seinen Anfängen von anderen oft nicht bemerkt wird. Zumal es in Deutschland keine einheitliche Erfassung oder gar belastbare Zahlen - anders als in den Nachbarländern – gibt.

Ursachen der Schulvermeidung

Die Ursachen sind vielfältig, oft sind manifeste psychiatrische Erkrankungen am Anfang nur in begrenztem Maße vorhanden. Diese können jedoch im Sinne einer Zwangserkrankung, einer sozialen Ängstlichkeit, sozialem Rückzug aufgrund von Angst – oder/ und Traumafolgestörungen mit Panikattacken oder aber als Hinweise auf tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie zum Beispiel aus dem Autismusspektrumsbereich durchaus auch für sich allein stehen. 

Häufiger hat ein Kind weitere gute Gründe, warum es nicht in die Schule geht: Dies kann die Sorge um Angehörige sein, die erkrankt oder pflegebedürftig zu Hause sind, unterschwellige Angst vor familiärer Trennung und Streit oder auch der Wunsch, bei erlebter eigener schulischer Überforderung und weiterer Anforderungen ein erneutes Scheitern zu vermeiden. Auch Erleben von Ablehnung oder Abwertung und fehlende Integration in die Gemeinschaft anderer – Mobbing - wird oft als große Hürde erlebt, vor der die Kinder und Jugendlichen schließlich kapitulieren.

Der Weg zurück in die Schule

Der Kontakt zur psychiatrischen Ambulanz, manchmal initiiert von Schulen und Jugendämtern, manchmal von den Sorgeberechtigten, kann ein erster Filter sein, aus dem heraus dann Lösungsmöglichkeiten entstehen. Oft ist Diagnostik ein erhellender erster Schritt, um besser verstehen zu können, ob die Vermeidungsstrategie z.B. einer Teilleistungsschwäche und Scham und Unglück mit sich selbst oder einer Traumafolgestörung entspringt. 

Die Wiederkontaktaufnahme zu anderen Gleichaltrigen – im teilstationären oder stationären Kontext – kann neben der Diagnostik und des Verstehens der Gründe für die Schulvermeidung zusammen mit dem Wiedereinführen einer Tagesstruktur neue Hoffnung und neuen Mut generieren, damit wieder Entwicklung möglich wird. 

Während des Aufenthalts in der Tagesklinik oder der Klinik gehen die Kinder und Jugendlichen weiterhin zur Schule – und zwar in die Ferdinand-Krüger-Schule. In enger Zusammenarbeit mit der Herkunftsschule erhalten die jungen Menschen hier in Kleingruppen Unterricht. Denn: Schule übt Schule. Constantin Schmidt erklärt: „Es wird nichts helfen, der schulischen Weiterentwicklung den Rücken zuzudrehen. Damit gehen nicht nur kognitive Chancen auf Dauer verloren, sondern die Kinder empfinden auch selbst, „abgehängt“ zu sein. Oft entwickeln sich daraus auch eine Störung des Sozialverhaltens, eine Zwangserkrankung oder auch eine Essstörung. Die Beschulung in einer Klinikschule bietet die Chance, einerseits Ängste abzubauen, da „Bewertung“ nicht im Vordergrund steht, sondern eine erste Bestandsaufnahme, wo das Kind steht und „was möglich“ ist. Den Schulbesuch in einer Kleingruppe zu erleben, zusammen mit Menschen, die ähnliche Probleme mit Schule haben, schafft nicht nur Verbindung, sondern auch neuen Mut, mit den spezialisierten Lehrkräften wieder etwas zu wagen und individuelle Ziele zu entwickeln. 

Ratlosen Eltern empfehlen die Experten der Klinik, bei schulischen Ängsten und Problemen des Kindes immer zunächst den engen Kontakt zur Schule zu suchen, mit dem Klassenlehrer oder Schulsozialarbeiter zu sprechen. Halten die Sorgen an, ist keine Besserung in Sicht, kann eine psychische Erkrankung vorliegen. „Wir haben hier in der VALEARA Fachklinik für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen schulischen Problemen sehr gute Behandlungsmöglichkeiten, stationär, teilstationär und ambulant. Wir binden dabei immer die Eltern bzw. enge Bezugspersonen in unsere Arbeit mit ein. Denn wir möchten nicht nur das Kind stärken und unterstützen, sondern auch die Familie bzw. die Bezugspersonen des Kindes“, erklärt Dr. Maren Krüger.